Invocavit? Reminiscere? Okuli?

briaskThumb_2Haben Sie sich schon einmal, vielleicht beim Durchsehen des Predigtplans, über die fremd klingenden Namen der Passionssonntage gewundert und sich gefragt, wie diese wohl zustande kamen?
christus_2Ich bin der Frage nachgegangen.
Die frühen Christen kannten keine Fastenzeit. Erst im 4.Jhdt. fing man damit an, in den Wochen vor Ostern zu fasten. Papst Gregor II verfügte im 8.Jhdt., dass ab Aschermittwoch gefastet werden sollte. Dieses wurde im Hochmittelalter zur Regel erhoben. Die Lutherische Kirchenordnung des 16.Jhdts sieht im Aschermittwoch
gleichfalls den Beginn der Fastenzeit oder Passionszeit, wie sie in der Evangelischen Kirche genannt wird. Die Passionssonntage markieren den Leidensweg Jesu zum Kreuz. Der Sonntag Palmarum ist der Beginn der Karwoche. Die Altarbehänge sind violett, die Farbe der Besinnung und Umkehr. Auch die Liturgie im Gottesdienst ist verändert: Es werden weder Halleluja noch Gloria („Ehre sei Gott in der Höhe“) gesungen. In der Karwoche … … entfällt darüber hinaus das „Ehre sei dem Vater und dem Sohn“ (Ausnahme: Gründonnerstag). Schon in der Zeit der Alten Kirche gab es für jeden Sonntag einen festgelegten Eingangsgesang (Introitus), der aus Psalmworten und einer Antiphon bestand. Diese wurden auf Lateinisch gesungen. Um die Sonntage voneinander zu unterscheiden, benannte man sie nach dem ersten Wort des jeweiligen Psalms. Demnach heißt der erste Passionssonntag Invocavit. Der Text ist aus 91,15 und heißt: „Er hat mich angerufen, darum will ich ihn erhören…“ Der zweite Passionssonntag hat den Namen Reminiscere. Das Wort kommt aus Psalm 25,6: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit…“ Der dritte Passionssonntag nennt sich Okuli und geht auf Psalm 25,15 zurück: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn…“ Der vierte Passionssonntag heißt Lätare. Diesmal handelt es sich nicht
um einen Psalm, sondern der Text stammt aus Jesaja 66,10: „Freuet euch mit Jerusalem.“ Obwohl dieser Sonntag mitten in der Passionszeit steht, hat er einen fröhlichen, tröstlichen Charakter. Der Sonntag Judika ist der fünfte Passionssonntag und geht auf Psalm 43,1 zurück: „Gott, schaffe mir Recht…“ Dann, als sechster Passionssonntag, kommt Palmarum, der Palmsonntag. Dem liegt das Evangelium für diesen Sonntag zu Grunde, der Einzug Jesu in Jerusalem. Es heißt dort: .„Acceperunt ramos palmarum…“ „Sie nahmen Zweige der Palmen…“ Lange Zeit feierte man in der Evangelischen Kirche am Palmsonntag Konfirmation. Die Konfirmanden mussten die Namen der Passionssonntage auswendig lernen: In rechter Ordnung lerne Jesu Passion. Das ist längst vorbei. Seit einigen Jahren wird mit der Aktion „Sieben
Wochen ohne“ die Tradition des Fastens während der Passionszeit neu belebt.
Eleonore Dedring

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